Einiges über Katharina die Große
Sie wurde am 21. April 1729 im kleinen deutschen
Fürstentum Anhalt – Zerbst geboren.
Ihre Kindheit und Jugend
verbrachte sie in sehr bescheidenen Verhältnissen einer jedoch
erlauchten Familie. So dass die Eltern nicht lange zögerten und bald
einwilligten, als der künftige Peter III um die Hand ihrer Tochter
anhielt.
Katharina kam 1742 nach Moskau; als die Imperatorin
Jelisaweta Petrowna gekrönt wurde, erlernte die russische Sprache
und höfische Manieren, die in der Petersburgschen vornehmen Welt
gepflegt wurden, und heiratete nach zwei Jahren den Großfürst Peter
Fedorowitsch. Der Staatsstreich von 1762 brachte sie auf den
Thron...
Katharina ist voll und ganz eine Tochter der damaligen
Zeit, die beste Tochter aber.
Angeborener Verstand und eine
kolossale Schaffenskraft waren für sie
kennzeichnend.
„Leidenschaftlich liebe ich beschäftigt zu sein
und finde, dass ein Mensch nur dann glücklich ist, wenn er etwas
tut“, schreibt sie einem von ihren Freunden. Sie liest selber alle
Berichte, schreibt Briefe, nimmt an den Sitzungen des Senats teil
und löst selber alle Fragen der Verwaltung im Reich.
Ihr
Schriftverkehr war riesig. Außerdem schreibt sie auch Theaterstücke,
liest viel und schafft es dabei noch, Zeit zu finden, um
Aufmerksamkeit den Verehrern zu schenken.
Dem Adel verlieh sie
endgültig die Oberherrschaft als einer neuen Klasse, einer jungen
und verwegenen: „Wir verleihen hiermit dem Adel auf ewige Zeiten
Privilegien und Freiheit...“
Sie bildet Gouvernements und
Landkreise, bestickt sie mit Beamtenpersonal- Gouverneuren und
Stadthauptmännern, gestattet allen Handwerkern und Kaufleuten sich
in Zünfte und Gilden zu vereinigen, führt Stadträte ein.
Manufakturen wachsen wie Pilze aus der Erde. Sie stand vor dem
Sonnenaufgang auf und schuftete wie ein starkes Lastpferd.
„Nur
Mut! Vorwärts!“ war mein Lieblingsspruch, den ich in glücklichen wie
in unglücklichen Jahren wiederholte...“
Im Winter 1778 noch lange
vor ihrem Tod verfasste Katharina ein Epitaphium für sich: „Hier
ruhet der Leib von Katharina II, geboren in Stettin am 21. April
1729. Sie kam nach Russland, um Peter III zu ehelichen. Mit 14
Jahren entwarf sie einen Dreisatzplan: dem Gatten zu gefallen, der
Zarin Jelisaweta und dem Volk und setzte all ihre Kräfte ein, um
darin Erfolg zu erreichen. 18 Jahre Langeweile und Einsamkeit
zwangen sie viel zu lesen. Nach der Thronbesteigung wünschte sie
allgemeines Wohl und war stets bemüht, ihren Untertanen Glück,
Freiheit und Eigentum zu gewährleisten; sie verzieh gern und hasste
niemanden. Nachsichtig, lebensfroh, mit angeborener Fröhlichkeit,
mit der Seele einer Republikanerin und gutherzig wie sie war, hatte
sie Freunde.
Die Arbeit nahm sie leicht. Gesellschaft und Kunst
gefielen ihr“.
Der Historiker W. O. Klutschewski zitiert
einen Zeitgenossen von Katharina und betont, dass „zu Katharinas
Zeiten die ersten Funken eines nationalen Ehrgeizes sichtbar wurden,
eines aufgeklärten Patriotismus; als sie regierte entstand
Geschmack, öffentliche Meinung, die erstmaligen Begriffe wie Ehre,
persönliche Freiheit, Macht der Gesetze und dass die Russen unter
ihrer Herrschaft augenscheinlich aus eigenem Trieb danach strebten,
andere Völker einzuholen, deren Entwicklung um viele Jahrhunderte
fortgeschrittener war“.
Auch heute noch ist es wichtig, sich
daran zu erinnern.
(Aus dem Buch „Kniga istoritscheskich sensazij“, Moskau, 1993)
Aus dem Almanach 2006
Katharina die
Große, die an die Macht im Juni 1762 kam, begann ihre
Kolonisationspolitik mit der Weisung an den Senat vom 14.10.1762, in
der sie unter anderem bekannt gab, dass sie dem Senat gemeinsam mit
dem Kollegium für Auswärtige Angelegenheiten gestatte, die Aufnahme
aller in Russland siedeln wollenden Ausländer, außer den Juden, zu
beginnen:
Ukas Katharinas II. an den Senat vom 14.Oktober 1762
Ukas an unseren Senat.
„Da in Rußland viele öde, unbevölkerte
Landstriche sind, und viele Ausländer uns um Erlaubnis bitten, sich
in diesen öden Gegenden anzusiedeln, so geben Wir durch diesen Ukas
Unserem Senat ein für allemal die Erlaubnis, den Gesetzen gemäss und
nach Vereinbarung mit dem Kollegium der auswärtigen Angelegenheiten
- denn dies ist eine politische Angelegenheit - in Zukunft alle
aufzunehmen, welche sich in Russland niederlassen wollen,
ausgenommen Juden. Wir hoffen dadurch, den Ruhm Gottes und seiner
rechtgläubigen, griechischen Kirche, sowie die Wohlfahrt des Reiches
zu mehren."
.....Dann kommt das Manifest vom
04.12.1762...
Katharinas Manifest vom 04.12.1762 verfolgte zwei
Ziele:
1. Die Deklarierung des Beitritts Russlands zur damals in
Europa populären Politik des Bevölkerungszuwachses durch Einladung
von Ausländern
2. Die Amnestie für russische Untertanen, die
Russland unter der Herrschaft früherer Zaren verlassen
hatten.
Das Manifest wurde in Hunderten von Exemplaren gedruckt,
nicht nur in russischer Sprache sowie in deutscher, französischer
und englischer, sondern auch in polnischer, tschechischer und
arabischer.
Dieses Manifest allerdings brachte ebenfalls nichts
in Gang, weil die Bedingungen der Umsiedlung ihren Ausdruck im
Dokument nicht gefunden hatten. Und am 22.07.1763 folgt ein neues
Manifest der Zarin Katharina.
Es besteht aus zehn Paragrafen. Im
ersten wird die Möglichkeit verkündet, dass alle Ausländer nach
Russland einreisen und siedeln können, wo sie wollen. Die Paragrafen
2-5 erläutern die Prozedur der Einreise, §§ 6-10 die Vergünstigungen
und Privilegien für die Siedler, die von der Imperatorin geschenkt
werden. In den letzten vier Paragrafen wird allen Fehlern Rechnung
getragen, die vom Kollegium für Auswärtige Angelegenheiten gemacht
wurden sowie von der derzeitigen Administration.
Es entsteht die
Frage, warum dieses Manifest hauptsächlich in einigen deutschen
Landen für Aufsehen sorgte. Die Tatsache ist nicht als eine
besondere Liebe der Zarin zu ihren Landsleuten zu deuten. Dafür gibt
es Gründe, die unten erläutert werden.
Spanien, Frankreich und
England besaßen damals Kolonien, die flächenmäßig ums mehrfache
größer als ihre eigenen Länder waren. Diese Länder benötigten selber
zusätzliche Humanressourcen. So sind in Frankreich vor 1762 eine
ganze Reihe von Gesetzen in Kraft getreten, die sowohl die
Emigration, als auch die Werbung dafür strafrechtlich
verfolgten.
Die Habsburger in Österreich förderten aktiv die
Immigration in ihre Lande. Indem sie aber allzu gut die Auswanderung
der Serben in Erinnerung hatten, erließen sie ein Gesetz, das fünf
Jahre Zuchthaus sowie Zwangsarbeit für die Verletzung des
Antiemigrationsgesetzes vorsah.
Verboten war die Emigration in
Preußen, Sachsen Bayern, Hessen-Kassel, in der Pfalz und einigen
anderen deutschen Staaten. Trotzdem kamen auch aus diesen Landen
Kolonisten nach Russland.
Die Anwerbung von Kolonisten betrieben
so genannte Agitatoren, Kommissare bzw. „Einlader“. Die letzteren
waren als Privatunternehmer juristische Personen, die das Recht
hatten Kolonisten anzuwerben, sie nach Russland in dafür bestimmte
Gebiete zu bringen, Kolonien (Siedlungen) zu gründen, diese zu
verwalten und einen Teil der erzielten Gewinne zu bekommen. In
Europa funktionierten drei Gesellschaften, für die die Anwerbung ein
profitables Geschäft war. Die bekannteste bei den Wolgadeutschen war
die von Baron de Caneau de Beauregard.
Dort, wo sich die
bedeutendsten Straßen kreuzten, wurden Sammelpunkte für die
künftigen Kolonisten eingerichtet. Solche Punkte gab es in
Regensburg, Ulm, Frankfurt (Main), in Fürth bei Nürnberg, Friedberg,
Freyburg in Breisgau, in Grünsburg bei Ulm, Lüneburg, Rosslau,
Hamburg, Danzig u. a. Orten.
Diese Punkte funktionierten nicht
beständig und nicht gleichzeitig. Deswegen heißt es nicht, dass von
Rosslau kommende Kolonisten unbedingt aus Sachsen stammen müssen.
Sogar der Fürst von Anhalt-Zerbst, der Rosslau gern als Sammelpunkt
zur Verfügung stellte, sagte plötzlich ab.
Ende 1766 behaupteten
einige Zeitungen, dass die Werbung für die Ausreise eingestellt sei.
Es wurden aber von 1763 bis 1766 30.000 Kolonisten nach Russland
geschafft.
Unter der Herrschaft von Katharina der Großen
verschoben sich die Grenzen Russlands infolge der siegreichen Kriege
gegen die Türkei weit nach Süden- bis an die Nordküste des Schwarzen
und Asowschen Meeres und an den Kaukasus. Große Territorien mit
fruchtbarem Boden waren eine menschenleere Steppe. Es wanderten
lediglich hin und wieder die Steppenflüsse entlang nicht zahlreiche
nomadisierende Kalmyken-, Kirgisen- und Baschkirenstämme. Die
Entscheidung über die Kolonisation der Grenzregionen und die
Erschließung der Naturreichtümer stärkten die russische
Staatlichkeit.
Ausführlicher im Almanach
2006
Zeittafel von der Auswanderung nach Russland bis
zur Gründung der Landsmannschaft
1756-1763
Siebenjähriger Krieg, u. a. Auseinandersetzungen zwischen
Preußen und Rußland.
5.1.1762
Tod der Zarin Elisabeth I., Nachfolger Zar Peter III.,
Enkel Peters des Großen. Mit ihm setzt sich die
Romanow-Dynastie in der rein deutschen Linie
Romanow-Holstein-Gottorp (Schleswig) fort. Er heiratet 1745
als Herzog Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp (Haus
Oldenburg) die Prinzessin Sophie Friederike Auguste von
Anhalt-Zerbst.
19.6.1762
Friedensschluß zwischen Preußen und Rußland.
17.7.1762
Ermordung von Peter III. Seine Gattin steigt als Katharina
II. auf den russischen Thron.
22.7.1763
Manifest von Katharina II. der Großen mit dem Aufruf an
Ausländer zur Einwanderung nach Rußland.
19.3.1764
Kolonialkodex: Festlegung der Agrarordnung in den
Kolonialgebieten.
1764-1768
Massenansiedlung im Wolgagebiet; die Einwanderer stammen
überwiegend aus Hessen.
29.6.1764
Nishnaja Dobrinka wird als älteste wolgadeutsche Kolonie
gegründet, 1765 Balzer.
1765
Anhänger der Herrnhuter Brüdergemeinde, 1727 entstanden in
der sächsischen Oberlausitz, lassen sich in Sarepta, nahe
Zaryzin, mit der Aufgabe der Kalmückenmission nieder.
1765-1767
Anlage der "Nördlichen Kolonien" im Umkreis von St.
Petersburg durch Hessen, Preußen, Württemberger (Schwaben) und
Badener.
1765-1766
Gründung von Riebendorf bei Woronesh durch Schwaben und der
Belowesh-Kolonien bei Tschernigow durch Hessen und
Rheinländer.
1782-1783
Deutsche Kolonisten aus der Danziger Gegend siedeln im
Schwarzmeergebiet, 1782 bei Cherson, 1783 bei Jekaterinoslaw
(Dnjepropetrowsk).
1786-1789
Gründung von Alt-Danzig (1786), Fischerdorf und Josefstal
bei Jekaterinoslaw durch Preußen und Schwaben.
1787-1791
Westpreußische Mennoniten gründen sechs Niederlassungen in
Wolhynien.
Juni 1789
Mennoniten wandern nach "Neurußland" ein und gründen
Chortitza ("Iltisbau") am Dnjeprufer. In St. Petersburg leben
rund 17.000 Deutsche.
1794
Gründung der Hafenstadt Odessa.
6.9.1800
Gnadenprivileg Pauls I. zugunsten der Mennoniten; danach
gründen sie die Halbstädter Kolonien und Gnadenfeld.
1802-1859
Fast 110.000 Deutsche wandern in den Süden Rußlands
(Schwarzmeergebiet) ein, darunter ein hoher Anteil von
Schwaben (Württemberger) und Alemannen (Elsässer und Badener).
1803
Ansiedlung von Deutschen (meist Schwaben) in Odessa.
Gründung einer evangelischen Gemeinde. Großliebentaler Kolonie
und Neusatz auf der Krim von Schwaben aus Calw gegründet.
20.2.1804
Manifest Alexanders I. Einladung zur Ansiedlung Deutscher
im Schwarzmeergebiet; Freistellung vom Militär.
1804
Prischiber Kolonien in Taurien bei Halbstadt und
Liebentaler Kolonien bei Odessa durch Badener, Elsässer,
Pfälzer und Schwaben gegründet.
1804-1810
Schwaben, Badener, Elsässer und Schweizer siedeln auf der
Krim.
1808-1809
Kutschurganer und Glückstaler Kolonien im Odessagebiet von
Badenern, Elsässern und Pfälzern gegründet.
1809-1817
Beresaner Kolonie; unter den Siedlern sind auch Bayern.
1812-1813
Vaterländischer Krieg. Türkei muß Bessarabien an Rußland
abtreten. Napoleon zieht in Moskau ein und wird anschließend
geschlagen.
1814-1815
Wiener Kongreß ("Neuordnung Europas"); Zar Alexander I.
erhält als König von Polen das Gebiet Warschau
("Kongreß-Polen").
1814-1824
Deutsche Ansiedlung in Bessarabien. Die Einwanderer
bestehen hauptsächlich aus Schwaben, Pfälzern, Bayern,
Mecklenburgern, Pommern, Schlesiern, Brandenburgern, Deutschen
aus dem Warschauer Raum sowie einigen Sachsen. Gründung von
Wittenberg (1814) und Leipzig (1815).
1816-1861
Westpreußen, Rheinländer, Pfälzer und Schwaben wandern in
Wolhynien ein.
1816-1818
Landnahme von schwäbischen Separatisten im Südkaukasus.
1822-1831
Schwaben gründen Kolonien bei Berdjansk.
1823-1832
Katholiken und Lutheraner, vorwiegend aus Schwaben, gründen
die Planer, Grunauer und Mariupoler Kolonien am Nordrand des
Asowschen Meeres.
1831
Gründung von Neu-Stuttgart im Kaukasus.
9.11.1838
Zar Nikolaus I. bestätigt die Privilegien der Kolonisten.
1842
Kodifizierung aller Freiheiten, Pflichten und Rechte der
Kolonisten; Verleihung der Bürgerrechte im ganzen Zarenreich.
1853-1856
Krimkrieg. Rußland erleidet empfindliche Einbußen. 1855
Fall von Sewastopol.
1854-1861
Mennoniten aus Westpreußen gründen Kolonien bei Samara.
1861
Aufhebung der Leibeigenschaft über die russischen Bauern.
1863
Einwanderung von Schlesiern und Warschau-Deutschen nach
Wolhynien. Hiermit endet 100 Jahre nach dem Manifest von
Katharina II. im großen und ganzen die deutsche Einwanderung
nach Rußland.
1867
2. Slawenkongreß in Moskau; Erstarken des Panslawismus
(1826 von J. Herkel geprägter Begriff) unter russischer
Führung.
1869-1873
Kronau-Orloff, Tochterkolonien von Prischiber und
Halbstädter Mennoniten, gegründet.
18.1.1871
Gründung des Deutschen Reiches durch Bismarck.
4.6.1871
Aufhebung des Kolonialstatuts durch die Zarenregierung
Alexanders II. Abschaffung der Selbstverwaltung der deutschen
Gebiete. Beginn der Auswanderung nach Nordamerika.
1872-1873
Rund 13.000 Mennoniten wandern nach Nordamerika aus.
13.1.1874
Allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Den Mennoniten bietet
man als Ersatz den Dienst im Forstwesen an.
1874
Vermehrte Auswanderung nach Nord- und Südamerika.
1877-1878
Russisch-türkischer Krieg. Erster politischer Erfolg des
Panslawismus. Deutsch-russische Entfremdung.
1879
Lage der Deutschen in Rußland durch Bündnis Deutschlands
mit österreich verschlechtert.
13.3.1881
Thronbesteigung Alexanders III. Nach der Ermordung
Alexanders II. beginnende Russifizierung durch einen offen
gegen Deutschland gerichteten "Panrussismus".
1882
Deutsche Siedlungen (Tochterkolonien) bei Pischpek (Frunse)
und Aulie-Ata (Dshambul) in Russisch-Turkestan.
1884
Deutsche Siedlungen bei Chiwa südlich des Aralsees.
1885
Gründung der evangelisch-lutherischen Kirche in Taschkent.
1887
Manifest Alexanders III.: "Rußland muß den Russen gehören."
1891
Obligatorische Einführung des Russischen als
Unterrichtssprache an den Schulen.
1893
Eine Welle des "Russismus" setzt ein. Die Namen der
deutschen Siedlungsgebiete werden teilweise russifiziert.
1894
Der letzte russische Zar Nikolaus II. aus dem Hause
Romanow-Holstein-Gottorp gelangt auf den Thron. Deutsche
Siedlungen (Tochterkolonien) bei Orenburg.
1895
Deutsche Siedlungen bei Akmolinsk (Zelinograd) in der
kasachischen Steppe.
1897
Nach einer Volkszählung leben 390.000 Deutsche an der
Wolga, 342.000 im Süden Rußlands, 237.000 im Westen Rußlands
und 18.000 in Moskau.
1901-1911
Rund 105.000 deutsche Siedler wandern aus Rußland nach
Amerika aus.
1903
Verbot der deutschen Ansiedlung in Turkestan. Judenpogrome
in Bessarabien (Kischinjow).
1904-1905
Russisch-japanischer Krieg. Niederlage Rußlands führt zu
teilweiser Liberalisierung. Siedlungsstrom nach Sibirien in
die Gebiete Omsk und Tomsk.
1906-1910
Agrarreform durch Ministerpräsident Stolypin (ermordet am
18.9.1911 in Kiew).
1906-1907
Deutsche Siedlungen bei Ufa im Westural (1906) und bei
Aktjubinsk im Südural (1907).
1908
Geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet bei Slawgorod in
der Kulunda-Steppe.
1909
Gemäß dem Stolypin'schen Gesetz wandern massenweise neue
Siedler nach Westsibirien und Nordturkestan und gründen neue
Tochterkolonien (Pawlodar, Karaganda, Nowosibirsk,
Krasnojarsk, Irkutsk u.a.).
1914
Nach einer Volkszählung leben in Rußland insgesamt
2.416.290 Deutsche. Ohne das Baltikum, Ostpolen und Wolhynien
sind es allein in Zentralrußland über 1.700.000 Deutsche.
1.8.1914
Beginn des I. Weltkrieges. Das Deutsche Reich wird zum
Feind des Zarenreiches erklärt. Etwa 300.000 Deutsche dienen
trotzdem in der russischen Armee. Obwohl sie russische
Staatsbürger sind, wird ihr Grundbesitz beschlagnahmt. Die
deutschen Ortsnamen werden 1914 durch russische ersetzt.
2.2.1915
Liquidationsgesetz: Die im Grenzstreifen bis 150 Kilometer
lebenden Deutschen sollen nach Sibirien umgesiedelt werden.
Über 50.000 Wolhyniendeutsche werden nach Sibirien
verschleppt.
27.5.1915
Pogrome gegen Deutsche in Moskau. Viele Geschäfte werden
geplündert, 40 Deutsche verwundet, drei ermordet.
15.3.1917
Abdankung Nikolaus II. durch die Februar-Revolution.
Aufhebung der Liquidationsgesetze durch die Provisorische
Regierung unter Ministerpräsident Lwow.
20.-23.4.1917
Erster gesamtdeutscher Kongreß in der Geschichte der
Deutschen aus Rußland in Odessa. Gründung eines
Zentralkomitees aller Rußlanddeutschen (86 Vertreter der
deutschen Siedlungsgebiete aus 15 Gouvernements). 1. Kongreß
der Wolgadeutschen in Saratow; 2. Kongreß der Wolgadeutschen
in Schilling.
7.11.1917
Bolschewistische Oktoberrevolution in Petrograd. Beginn der
Sowjetdiktatur Lenins. Sturz der Provisorischen Regierung
unter Kerenski.
3.3.1918
Frieden von Brest-Litowsk zwischen Deutschland und Rußland.
Repatriierungsklausel zugunsten der Rußlanddeutschen. Auf
Wunsch werden von deutscher Seite Schutzbriefe an
Volksdeutsche ausgestellt. Davon wissen aber nur sehr wenige,
und es gelingt nur einzelnen Personen, in den Westen zu
kommen. Verzicht Rußlands auf das Baltikum und Polen.
Bessarabien kommt zu Rumänien.
April 1918
Schaffung eines "Kommissariats für deutsche Angelegenheiten
an der Wolga" unter Leitung von Ernst Reuter.
1918
Laut einer Volkszählung leben in Rußland 1.621.000
Deutsche.
16.7.1918
Ermordung der Zarenfamilie in Jekaterinburg.
9.11.1918
Novemberrevolution in Deutschland. Abschaffung der
Monarchie, Abdankung von Kaiser Wilhelm II. Trotzkis
kommunistische "Permanente Weltrevolution" scheitert in
Deutschland.
1919
Requirierung der gesamten Ernte durch die Bolschewiken.
Aufstände im Odessaer Gebiet gegen die Armee der neuen
Machthaber. Sogenanntes "Rotes Massaker" gegen die Bauern.
Viele Männer werden standrechtlich erschossen.
1920
Schließung des katholischen Priesterseminars.
1921-1923
Größte Mißernte und Hungersnot,
bedingt durch Revolution, Bürgerkrieg und Enteignung. Starke
Auswanderung aus den Siedlungsgebieten. Die Bevölkerungszahl
der Deutschen verringert sich um 26,5 Prozent.
1921-1927
Neue ökonomische Politik (NöP). Vorübergehende Erholung in
den deutschen Gebieten.
16.4.1922
Rapallo-Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der
Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR)
durch Rathenau und Tschitscherin. Gegenseitiger Verzicht auf
finanzielle Forderungen und Aufnahme von diplomatischen
Beziehungen.
30.12.1922
1. Sowjetkongreß verkündet die Bildung der "Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken".
16.5.1923
Gründung des Allrussischen Mennonitischen
Landwirtschaftlichen Verbandes.
9.11.1923
Erneuter Versuch von Sinowjew und Radek, in Deutschland die
"Weltrevolution" fortzusetzen, scheitert.
16.1.1924
Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der
Wolgadeutschen (ASSRdWD) mit der Hauptstadt Engels (Pokrowsk).
1926
Laut Volkszählung leben in der Sowjetunion 1.238.539
Deutsche. Letzte Versuche, über Sibirien und China nach
Amerika auszuwandern. Die USA stellen in Wladiwostok Schiffe
zur Verfügung. Ein Teil der Flüchtlinge wird unterwegs
gestoppt und bei Omsk und Tomsk angesiedelt.
1927
Gründung des Deutschen Rayons im Altaigebiet. Deutsche
Siedlungen am Amur; das sind zugleich die letzten
Siedlungsneugründungen.
1928
Beginn der Kollektivierung, Deportation der enteigneten
Mittelbauern in den hohen Norden und nach Sibirien. Schließung
der Kirchen.
Ende 1929
Rund 14.000 Deutsche aus allen Teilen des Landes kommen
nach Moskau in der Hoffnung, eine Ausreisegenehmigung zu
erhalten. Nach langen Verhandlungen werden 5.671 in
Deutschland - nur zur Durchreise! - aufgenommen und nach Nord-
und Südamerika weitergeleitet. Die anderen werden gewaltsam
zurücktransportiert.
1930
50.000 Deutsche von der ersten Massendeportation betroffen.
1932-1933
Zweite sowjetische Mißernte als Folge von
Zwangskollektivierung und Enteignung. Ungezählte Deutsche an
der Wolga und in der Ukraine sterben den Hungertod.
1933-1939
Terrorwelle sichert Stalins Alleinherrschaft. Das Moskauer
Hotel "Lux" wird Exilort deutscher Kommunisten aus dem
Mutterland.
1935
600 Deutsche werden aus Aserbaidschan nach Karelien
deportiert.
1936
Verband der Deutschen aus Rußland e.V. in Deutschland
gegründet.
1937
Sämtliche deutsche Kirchen entweiht; kein deutscher Pfarrer
mehr im Amt.
1937-1938
Dunkelstes Kapitel für die Rußlanddeutschen in der
Vorkriegszeit. Zahlreiche Todesopfer unter der deutschen
Bevölkerung während der stalinistischen "Säuberungen".
1938
In allen deutschen Schulen außerhalb der Wolgadeutschen
Republik wird Russisch bzw. Ukrainisch als Unterrichtssprache
eingeführt.
1938-1939
Auflösung aller deutschen Rayons außerhalb der ASSRdWD.
23.8.1939
Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes
durch die Außenminister von Ribbentrop und Molotow.
1.9.1939
Beginn des II. Weltkrieges. Nach einer Volkszählung leben
in der Sowjetunion 1.424.000 Deutsche in überwiegend
geschlossenen Siedlungen (95 Prozent Deutsch als
Muttersprache).
1940
80.000 Deutsche verlassen Bessarabien und siedeln sich im
Wartheland (Warthegau) an. Bessarabien und die Baltischen
Staaten werden der UdSSR einverleibt.
22.6.1941
Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges. Odessa wird im
Sommer von deutschen und rumänischen Truppen belagert und von
der Roten Armee nach 69 Tagen aufgegeben. Deutsche von der
Krim, aus dem Kaukasus und den Teilen des Schwarzmeergebietes
östlich des Dnjeprs werden nach Sibirien und Mittelasien
deportiert.
19.7.1941
Stalin übernimmt den Posten des Volkskommissars für
Verteidigung und somit auch das Oberkommando über die Rote
Armee.
8.8.1941
Einmarsch rumänischer Truppen im westlichen
Schwarzmeergebiet; die Kirchen werden wieder geöffnet.
25.8.1941
Die Deutsche Wehrmacht besetzt Dnjepropetrowsk. Die
Deutschen westlich des Dnjeprs entgehen weitgehend der
Verbannung.
28.8.1941
Der berühmt-berüchtigte Erlaß des Obersten Sowjets der
Sowjetunion führt zur Auflösung der Republik der
Wolgadeutschen und zur totalen Deportation der Bevölkerung
nach Sibirien und Mittelasien in die Lager der Trudarmee.
Innerhalb von zehn Tagen werden rund 350.000 Wolgadeutsche in
die Ostregionen der UdSSR verschleppt.
1941-1946
Knapp eine Million Rußlanddeutsche sind vom Schicksal der
Deportation betroffen. Eine Unzahl von Menschen fällt diesem
Wahnsinn zum Opfer. Die Familien werden getrennt.
30.8.1941
Gebiet zwischen Dnjestr und Bug einschließlich Odessa unter
rumänischer Verwaltung laut Vereinbarung mit dem Deutschen
Reich. Das Gebiet nennt sich Transnistrien. Darin eingebunden
sind die alten deutschen Mutterkolonien der Großliebentaler,
Kutschurganer, Glückstaler und Beresaner. Ausstellung von
Volkstumsausweisen an die deutsche Bevölkerung.
5.10.1941
Die Rote Armee verläßt das linke Dnjeprufer. Die Ukraine
steht unter deutscher Verwaltung. Bildung des
Reichskommissariats Ukraine unter Leitung von A. Rosenberg.
Februar 1943
Schlacht bei Stalingrad, Wende an der Ostfront.
1943-1944
Einberufung von rußlanddeutschen Wehrfähigen in die
Deutsche Wehrmacht.
März - April 1944
Mit dem Rückzug der Deutschen Wehrmacht werden rund 350.000
Deutsche aus der Ukraine und Transnistrien im Warthegau
angesiedelt, einige von ihnen auch im Sudetengau. Erwerb der
deutschen Staatsangehörigkeit.
10.4.1944
Rückeroberung Odessas durch die Rote Armee.
September 1944
Sämtliche eingebürgerten wehrpflichtigen Männer werden
eingezogen.
12.1.1945
Beginn der sowjetischen Winteroffensive. Flucht nach
Westen. Ankunft in Dörfern in Sachsen, Thüringen und
Brandenburg.
April 1945
Die Amerikaner besetzen ganz Thüringen und einen großen
Teil Sachsens. Später, gegen Ende Juni 1945, ziehen sie sich
zurück und überlassen Sachsen und Thüringen den Sowjets.
9.5.1945
Bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in
Berlin-Karlshorst.
5.6.1945
"Berliner Erklärung" der vier Siegermächte: Einteilung
Deutschlands in vier Besatzungszonen.
Juni - Juli 1945
Massenweise Zurückverschleppung der Rußlanddeutschen aus
allen Besatzungszonen nach Sibirien und Mittelasien.
2.8.1945
Unterzeichnung des "Potsdamer Abkommens". Vereinbarung, daß
jede Besatzungsmacht "ihre" Bürger ins eigene Land
zurückbringen darf. Für jeden ehemaligen Sowjetbürger
deutscher Nationalität, der aus Deutschland deportiert wird,
werden 200 US-Dollar Kopfgeld als Kriegsschuld für Deutschland
angerechnet.
1947
Durch eine Wirtschaftskrise und die Mißernte von 1946
bricht in der UdSSR eine katastrophale Hungersnot aus.
Gewaltige Zahl von Todesopfern unter den Rußlanddeutschen in
den Lagern der Trudarmee.
26.11.1948
Dekret des Obersten Sowjets: Verbannung der
Rußlanddeutschen auf "ewige Zeiten" festgeschrieben; Verlassen
der Ansiedlungsorte ohne Sondergenehmigung mit Zwangsarbeit
bis zu 20 Jahren bedroht.
23.5.1949
Verkündigung des Grundgesetzes der Bundesrepublik
Deutschland.
21.9.1949
Gründung der Bundesrepublik Deutschland; einen Tag zuvor
Bildung der ersten Bundesregierung unter Kanzler Adenauer.
7.10.1949
Gründung der Deutschen Demokratischen Republik.
22.4.1950
Beschluß zur Gründung der "Arbeitsgemeinschaft der
Ostumsiedler e.V." in Stuttgart, Archivstraße 18.
5.8.1950
"Charta der deutschen Heimatvertriebenen" der
Landsmannschaften der Vertriebenen in Stuttgart;
Mitunterzeichner: Dr. Gottlieb Leibbrandt, Sprecher der
Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler (ab August 1955
Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V.).
15.10.1950
Erste Bundesdelegierten-Versammlung mit Konstitution in
Kassel. Erster Bundesvorsitzender: Dr. Gottlieb Leibbrandt. Zu
den Persönlichkeiten der ersten Stunde gehören außerdem:
Superintendent Johannes Schleuning, Pfarrer Heinrich Römmich,
Studienrat Dr. Karl Stumpp, Gertrud Braun, Prof. Dr. Benjamin
Unruh und Prof. Wilfried Schlau.
Ende 1950
12,2 Millionen Vertriebene in Deutschland, davon 8,1
Millionen in der Bundesrepublik, darunter nur 70.000
Rußlanddeutsche, also weniger als ein Prozent; in der DDR
befinden sich 4,1 Millionen Vertriebene, darunter lediglich
5.000 Rußlanddeutsche.
Dezember 1950
Erscheinen der ersten Ausgabe von "Volk auf dem Weg", der
Monatsschrift der Landsmannschaft, damals noch als
"Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler" mit
Sitz in Stuttgart.
12.5.1951
Erstes Bundestreffen der Rußlanddeutschen (Ostumsiedler) in
Stuttgart. |